Gäbe es im Fußball-Frühjahr einen Wettbewerb, der Jahr um Jahr ein Modewort kürte, dann hätte das sagenumworbene „Restprogramm“ gute Chancen. Kaum ein Begriff polarisiert die Branche im Frühlingserwachen so sehr, dass selbst frohe Gemüter die steigenden Temperaturen meiden und zu kühlen Analytikern werden.
Während Frauen werktags gegen 18 Uhr nun im Freien Erdbeeren schälen, Federball spielen und Schafskäse grillen statt „Verbotene Liebe“ anzusehen, haben Männer das Restprogramm auf dem Wlan-fähigen Laptop griffbereit oder managen die von www.restprogramm.com ausgedruckte Zettelwirtschaft nebst Grillgebaren. Die Bratdauer jeder Flanke des Hähnchenbrustfilets brutzelt exakt analog zur Perspektive jedes Meisterschaftsanwärters und dessen Perspektive sowie Heim- und Auswärtsbilanz.
Die freundliche Joggerin am Parkrand wird dabei fast gar nicht mehr wahrgenommen, im Gegenteil, ihr Top hat die gleiche Farbe wie Udo Latteks Pullover heute Morgen im Doppelpass. Gegessen wird nebenbei, denn es geht um nichts mehr als die Meisterschaft und da wird man ja wohl – nein, nicht träumen – sondern rechnen dürfen. Und wer, bitteschön, braucht jetzt noch Sonnenstrahlen?
Was vielmehr interessiert: Verspielt Wolfsburg die Meisterschaft am 31. Spieltag in Stuttgart? Und schlagen die dann auch die Bayern beim Auswärtsschlager am letzten Spieltag in München? Oder tanzt Hamburg nach drei Hochzeiten auch am 23. Mai noch durch bis nachts, weil sie trotz müden Beinen in den letzten drei Runden ihre Gäste aus Bochum und Köln verputzt haben und schließlich auch noch die Frankfurter narrten?
Schnell das Steak umgedreht, wäre es nicht auch möglich, dass die Bayern die Schale holen? Trotz Klinsi-Krise und krasser Klatschen sind es ja nur drei magere Pünktchen, die es aufzuholen gilt. Wären da nicht noch Schalke, Hoffenheim, Leverkusen und eben jene Schwaben, die es zu schlagen gilt. So erscheinen die drei Punkte zwar grundsätzlich nur wie drei Nürnberger auf besagtem Grill. Lässt man jedoch den Geruch des Ruhmes mal außer Acht und konzentriert sich auf die Widersacher, dann werden aus den Nürnbergern schnell Krakauer – und auch die gilt es erstmal zu knacken.
Eigentlich ist es die Saison der verpassten Chancen. Oder der Unbeständigkeit. Führte auch nur einer der Meisterkandidaten eine Beziehung mit der Titelschale – sie hätte längst Schluss gemacht. So einer kann ja eigentlich gar nicht Meister werden und so einen will sie auch nicht. Die Schale will umworben werden, man muss ihr zeigen, dass man sie will. Sich mit ihr beschäftigen. Sonst lässt sie einen nicht ran – garantiert.
So gar nicht ins Bild passen da die Wolfsburger. In der Hinrunde noch zahnlos im Mittelmaß, haben sie in der Rückserie sprichwörtlich an die Spitze getankt. Erst 10 Siege in Folge und dann am Ende noch den Meistertitel? Und das, obwohl die Champions League erst für nächstes Jahr anvisiert wurde und Magath beim 5:1 gegen München in der Schlussphase den Torwart gewechselt hat? Das wäre ja wie eine Freundin, die einem morgens das ausgedruckte Restprogramm zum Kaffe serviert, mittags Steaks einkauft und diese dann nachmittags im Park grillt, während man endlich mal wieder die Sonne genießen kann. Fast zu schön, um wahr zu sein.
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